Fehlermeldung

  • Deprecated function: Methods with the same name as their class will not be constructors in a future version of PHP; Markdown_Parser has a deprecated constructor in require_once() (Zeile 341 von /www/htdocs/w0115499/!seiten/diezeitschrift.at/includes/module.inc).
  • Deprecated function: Methods with the same name as their class will not be constructors in a future version of PHP; MarkdownExtra_Parser has a deprecated constructor in require_once() (Zeile 341 von /www/htdocs/w0115499/!seiten/diezeitschrift.at/includes/module.inc).
photonews.at / Georges Schneider
Musik

Von der Kunst des simultanen Grantelns

Donnerstag, 25. September 2014
Der Wiener Beschwerdechor feiert bald seinen fünften Geburtstag und ist damit der langlebigste seiner Art. dieZeitschrift hat nachgefragt, wie in der Welthauptstadt der Raunzerei aus Beschwerden Musik gemacht wird.
Wiener Beschwerdechor
Thomas Lieser

„Jetzt üben wir den krampfhaften Dauergrinser,“ sagt Stefan Foidl und verzieht sein Gesicht langsam zu einer Grimasse. Die etwa vierzig anwesenden Chormitglieder ziehen bedächtig ihre Mundwinkel nach oben. Einigen gelingt bereits eine beeindruckend widerwärtige Fratze, bei anderen ist das Gschau wohl noch eine Spur zu lieblich.

Wie jeden Montag Abend probt der Wiener Beschwerdechor im Festsaal des Bezirksamtes Wien-Neubau drei Stunden lang meist mehrstimmige Lieder und Aktionskunst ein. Diesmal etwas unter Druck, denn die nächsten Auftritte nahen. Der nächste wird schon in ein paar Tagen auf der Mariahilfer Straße sein. „Wir sollten das Radlfahrernazi-Lied dort singen,“ schlägt ein Mitglied spontan vor. Die Daumen gehen nach oben, das Lied wird sofort einstudiert. Denn die jeweilige Performance wird dem Auftrittsort angepasst. Die Stadtbewohner sollen in ein paar Tagen während der Shoppingtour flashmobartig mit einer zwanzigminütigen Darbietung überrascht werden.

Auftritte in Straßenbahn und beim Bürgerforum

Factbox

Auszug aus: *!„Na sicha - Sicha ned"* (Text von Oliver Hangl. Uraufführung am 3.10. 2014 beim **ur5anize! FESTIVAL** am Karlsplatz) *Sicha is sicha a Zukunft mit Zaun Persönliche Freiheit im offenen Raum A unfreie Aussicht auf a Stadt mit Ohren Wer nix zu verbergn hat, hat alles verloren* *Sicha is sicha a Stadt in Angst Wir wünschen uns, dass Du Dich bedankst*

„Wir sind die Institution in Wien, bei der man sich beschweren kann,“ erklärt der künstlerische Leiter Oliver Hangl nach der anstrengenden dreistündigen Probe. Chorleiter Stefan Foidl nickt. Die beiden sind seit der Gründung vor viereinhalb Jahren die Masterminds des singenden Raunzervereins.

Das Konzept ist rasch erklärt: Die Stadtbewohner dürfen sich im digitalen Netz nach Lust und Laune ihren Ärger von der Seele schreiben. Die so gesammelten Texte verwertet der WBC zum Teil als Grundlage für Liedtexte. Dazu werden die Kompositionen entweder von Foidl selbst geschrieben, in Auftrag gegeben oder gecovert. Der Chor gibt seine Werke dann verteilt aufs ganze Jahr vor Publikum zum Besten. Entweder geplant, wie zum Beispiel auf Festivals. Oder quasi überfallartig auf öffentlichen Plätzen. Zum Beispiel in der Straßenbahn. Oder beim Bürgerforum im ORF-Zentrum, wo sie die anwesenden Politiker mit einem Lied über Korruption aus der Fassung brachten.

Die Idee kommt aus Finnland

Wiener Beschwerdechor
photonews.at / Georges Schneider

Klingt urwienerisch, die Idee. Tatsächlich wurde der erste Beschwerdechor 2005 von zwei finnischen Künstlern initiiert. Die Idee wurde mittlerweile in mehr als 40 Städten umgesetzt, doch Langlebigkeit war den meisten Projekten nicht beschieden. Sämtliche Beschwerdechöre lösten sich nach ein paar Auftritten wieder auf. Nicht so die Wiener Raunzer. „Wir sind der langlebigste Beschwerdechor weltweit,“ sagt Hangl nicht ohne Stolz. Der gebürtige Oberösterreicher begann 2010 zunächst damit, auf einem Blog Beschwerden zu sammeln. Dann trat er an den professionellen Musiker Foidl heran. „Ich habe mir gedacht, wenn das in der Welthauptstadt der Raunzerei nicht funktioniert, wo dann,“ erinnert sich Hangl. Gleich bei der Gründungsprobe seien 65 Leute gekommen.

Ein Ende wie in den anderen Städten ist nicht in Sicht. Der Wiener Beschwerdechor hat mittlerweile achtzig Mitglieder. Hangl und Foidl sind damit aber noch nicht zufrieden: „Wir hätten gerne über hundert.“ Darum werden im Oktober neue Raunzer aufgenommen (Details siehe Factbox).

Von intellektuell bis geschert

Factbox

 **Mitraunzen:** Der Wiener Beschwerdechor sucht neue Mitglieder. Kick-Off Probe für Interessenten: Montag, 13. 10.2014 von 18:30-20:30 im Bezirksamt Neubau, Hermanngasse 24-26/2. Stock, Festsaal, 1070 Wien.

Hohe musikalische Anforderungen an die Neuen gebe es nicht. „Wir möchten die Wiener Bevölkerung widerspiegeln. Auch Migranten wären zum Beispiel sehr willkommen,“ betont Hangl. „Unsere Chormitglieder kommen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. Wir sind auch politisch mehrfärbig, das führt oft zu heißen Diskussionen. Aber das ist gut so.“

Musikalisch reicht das Angebot von Jazz über Pop bis zum Wienerlied. „Wir haben Attwenger gecovert, aber auch die Fantastischen Vier,“ sagt Foidl. „Textlich reicht der Inhalt von intellektuell bis zum gescherten Wienerisch,“ ergänzt Hangl.

Worüber beschweren sich die Stadtbewohner denn eigentlich am häufigsten? Hangl lacht. „Nummer eins sind noch immer unangefochten die Hundstrümmerl. Ein Klassiker.“ Ansonsten grantelt das goldene Wienerherz auf der Beschwerde-Homepage querbeet vor sich hin. Die Lieblingsfleischerei hat zugesperrt, die Mieten sind zu hoch, das Klopapier ist aus. Oder über das Rauchverbot: Meine Tschik dearf I ma kaufm da Stoot vadient Togtäglich a vamögn dabei nur rauchn dearf is ned?

Eine Beschwerdechor-CD sei nicht in Planung, sagt Hangl. „Wir sind ein Erlebnis-Chor. Uns sieht und hört man am besten live.“

Share this content.