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Claudio Farkasch
Wirtschaftskammerwahl

„Wien soll die EPU-freundlichste Stadt der Welt werden“

Montag, 15. Dezember 2014
Geronimo Noah Hirschal, EPU-Sprecher des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes, lebte vier Tage in einem Container auf der Mariahilfer Straße und ließ sich wie bei Big Brother rund um die Uhr filmen. Im Interview mit dieZeitschrift erzählt er, was er mit der Aktion erreichen wollte und wie ranghohe Politiker in seiner Partei darauf reagiert haben.

Geronimo Noah Hirschal, EPU-Sprecher des Wiener Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes (SWV), lebte in der ersten Adventwoche von Montag bis Donnerstag in einem transparenten Plexiglaswürfel mit der Aufschrift # Meine Kammer auf der Mariahilfer Straße, um auf die prekären Arbeitsbedingungen von Ein-Personen-Unternehmen (EPU) aufmerksam zu machen. Der 34-jährige PR-Berater wurde dabei 24 Stunden pro Tag gefilmt, die Bilder wurden live im Netz übertragen. Das Ziel der Aktion war, die Kleinunternehmer zur Stimmabgabe bei den kommenden Wirtschaftkammer-Wahlen im Februar zu bewegen.

dieZeitschrift: Sie haben vier Tage durchgehend in einem Container auf der Mariahilfer Straße verbracht. Wie genau haben Sie die Zeit in dem Kubus verbracht?
Hirschal: Ich wollte auf meinem Laptop arbeiten, aber das war nicht so einfach, weil ich dauernd mit Leuten kommuniziert habe. Das war aber auch das Ziel der Sache. Ich war extrem beschäftigt im Container, mein Feierabend war um vier Uhr in der Früh. Ich habe jede Nacht nur drei, vier Stunden geschlafen.

„Ich habe sehr viel Solidarität erfahren“

Geronimo Noah Hirschal im Container
Claudio Farkasch
Trubel beim Container

dieZeitschrift: Konnten die Passanten in den Container gehen?
Hirschal: Ja, es gab eine Tür. Ich habe immer wieder Leute in die Kammer eingeladen, um Gespräche und Interviews zu führen. Außerdem hatten wir zwei iPads zum interagieren. Auf einem Gerät konnte man sich solidarisieren, indem man ein Selfie macht. Das wurde dann auf unsere Homepage hochgeladen. Auf dem zweiten iPad konnte man sich die Homepage anschauen, die wir für das Projekt aufgebaut haben.

dieZeitschrift: Mit wie vielen Leuten sind Sie in diesen vier Tagen in Kontakt getreten?
Hirschal: Digital mit Zigtausenden. Wir hatten alleine 85.000 Kontakte über Twitter, und bei Facebook wahrscheinlich nochmal so viele. In der Box hatte ich jeden Tag mindestens zwei Gesprächspartner. Am vierten Tag sind bereits permanent Leute zu mir gekommen, die entweder ihr Geschäft oder ihre Dienstleistung vorgestellt haben oder allgemein über das Thema „Kammer und Wirtschaft“ reden wollten.

Wie war es für Sie persönlich? Wo haben Sie zum Beispiel geduscht? War die Box geheizt?
Hirschal: Für mich war das ein lebensprägendes Erlebnis. Wir haben ja nichts initiiert, sondern den Container hingestellt und geschaut, was passiert. Ich habe sehr viel Solidarität erfahren. Die Geschäftsleute rundherum haben mich mit Essen versorgt. Der Besitzer eines Punschstandes hat mir ein Heizbrett gebracht. Zusätzlich hatte ich noch einen Wärmestrahler. Und das Theater im Museumsquartier hat mir angeboten, dass ich in den Künstlergarderoben duschen darf.

„Das war mein kleines Dschungelcamp“

dieZeitschrift: Das erinnert mich fast ein bisschen an TV-Shows wie Big Brother oder das Dschungelcamp.
Hirschal: Ja, das war mein kleines Dschungelcamp. Ich wurde ja 24 Stunden durchgehend gefilmt und alles wurde live ins Netz übertragen.

dieZeitschrift: Vergisst man die Kameras irgendwann?
Hirschal: Nie ganz. Das permanente unter Beobachtung stehen verändert dich sehr stark. Man entwickelt ein anderes Ich und wird dadurch unfrei.

dieZeitschrift: Gab es auch negative Erlebnisse?
Hirschal: Nein, es war durchwegs positiv. Das bestätigt meine Weltanschauung.

dieZeitschrift: Letztendlich sollte die Aktion aber etwas bewegen. Wie hat zum Beispiel Ihre Partei darauf reagiert?
Hirschal: Sehr gut, das hat mich selber überrascht. Donnerstag Abend (Anm.: 4. Dezember) hatten wir unseren Wahlkampfauftakt. Ich bin zu spät gekommen, weil wir erst den Container abbauen mussten. Dort saßen unter anderem SWV-Wien-Präsident Fritz Strobl, Bürgermeister Michael Häupl und Finanzstadträtin Renate Brauner. Das unfassbar Erfreuliche an diesem Abend war, dass sich die Podiumsreden sehr stark um EPUs gedreht haben. Die Marschrichtung wurde ausgegeben: Wien soll in den nächsten fünf bis zehn Jahren die EPU-freundlichste Stadt der Welt werden.

„Der Wandel muss von unten kommen“

dieZeitschrift: Was kann die Stadtpolitik für EPUs tun?
Hirschal: Jede Menge. Infrastrukturprojekte und Förderungen zum Beispiel.

dieZeitschrift: Gibt es schon fixe Pläne in diese Richtung?
Hirschal: Das kann man jetzt noch nicht konkret sagen. Ich persönlich habe sehr viele Pläne in diese Richtung (schmunzelt). Der große Wandel wird auch nicht von der hohen Politik kommen. Ich glaube, das alles von unten kommen muss. Ich sehe mich als Vermittler zwischen diesen Welten.

dieZeitschrift: Eine Partei könnte ja zum Beispiel auch sagen: Bei den EPUs liegen so viele Wählerstimmen brach. Die holen wir uns jetzt, indem wir etwas für diese Leute tun.
Hirschal: Klar. Es ist auch nicht so, dass die Politik keinen Bock auf uns hat. Aber man kann den Generationen vor uns nicht vorwerfen, dass sie unsere Probleme nicht kennen. Wir befinden uns gerade in einem starken strukturellen Wandel. Die Öffnung des SWV ist passiert, weil junge Leute dazugekommen sind und gesagt haben: „Wir wollen politisch etwas ändern. Wir machen das für uns. Aber auch für andere.“

„Es muss Preisrichtlinien für Dienstleistungen geben“

dieZeitschrift: Welche Änderungen wünschen Sie sich konkret für EPUs?
Hirschal: Ich will, dass ein EPU die ersten fünf Jahre von der Kammerumlage befreit wird. Zweiter Punkt: Die SVA soll tatsächlich zu einer Versicherung für Selbstständige werden. Die ist noch immer aufgestellt für das klassische Unternehmertum des 19. und 20. Jahrhunderts. Es kann nicht sein, dass wir Nettozahler eines Sozialsystems sind, von dem wir nichts zurück kriegen. Drittens: Die Wirtschaftskammer soll Druck Richtung Regierung und den großen Wirtschafts-Playern machen, um eine Lohnnebenkostensenkung zu erreichen. Und zwar eine, von der der Unternehmer und der Angestellte profitiert. Und Viertens: Wir müssen dem Preisdumping bei den EPUs entgegenwirken. Es muss Preisrichtlinien für Dienstleistungen geben, damit die Leute von ihrer Arbeit auch leben können. Das geht natürlich über die Wirtschaftskammermitglieder hinaus, denn jeder Künstler und jeder Neue Selbstständige hat die gleichen Probleme. Die sind aber nicht wahlberechtigt, weil sie keinen Gewerbeschein haben. Ich will auch diese Menschen ins Boot holen.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie demnächst auf dieZeitschrift.at.

www.diejungen.wien

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