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Marliese Mendel
Stadtspaziergang

Lilienmuki

Dienstag, 5. August 2014
Der Historiker Andreas Brunner zeigt bei seinen Führungen die schwule und lesbische Geschichte der Stadt. Er erzählt von skandalösen Büchern, filmreifen Betrügereien und dem Lilienmuki. dieZeitschrift begleitet ihn bei der Stadtführung durch Wieden.

Stadtführungen

Andreas Brunner zeigt das schwul/lesbische Wien bei Führungen zu unterschiedlichen Themenkreisen.
Buchungen und Termine auf Qwien.at

Mit den Stadtführungen will Brunner die schwule und lesbische Geschichte in die große Erzählung der Stadt Wien einschreiben und ihr einen Ort zu geben. „Die Geschichte hat in unserer Nachbarschaft stattgefunden, wir müssen sie hier dingfest machen.“

k.u.k. Heizfabrikfabrikant

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
Wikipedia
Psychoanalytiker Wilhelm Stekel

In der Rienößlgasse 14 lebte um 1907 der k.u.k Heizobjektefabrikant Josef Nicoladoni. Er wollte gemeinsam mit dem Psychoanalytiker und Freud-Schüler Wilhelm Stekel in Wien einen Ableger des deutschen Wissenschaftlichen Komitees (WHK) gründen und sich zur Aufhebung der antihomosexuellen Strafgesetze (seit 1852 galt in Österreich der Paragraph 129 Ib, der „Unzucht zwischen Personen desselben Geschlechts“ verbot) und Information über das „Wesen der mann-männlichen Liebe“ einsetzen. Es gelang ihnen nicht.

Der Lebensweg von Nicoladoni verliert sich, aber Wilhelm Stekel wandelte sich vom Befürworter der Aufhebung der behördlichen Verfolgung von Homosexuellen zum homophoben Psychotherapeuten. In seinem Werk „Onanie und Homosexualität“ (1921) spricht er plötzlich davon, dass Homosexualität heilbar wäre und brüstet sich, dass er in nur drei Wochen einen Mann von seiner Homosexualität geheilt hätte.

Skandal

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
suhrkamp taschenbuch

In der Wiedner Hauptstraße 40 lebte der Literat Gerhard Fritsch (1924-1969). 1967 publizierte er den Roman „Fasching“ und sorgte damit für einen formidablen Skandal.

Die Rote Armee stand zu Kriegsende vor einem Dorf. Ein Fotograf mit transvestitischen Neigungen verführte als Dienstmädchen den russischen kommandierenden Major und rettet so den Ort vor der Zerstörung. Die Dorfbevölkerung dankte es ihm, indem sie den Transvestiten an die russischen Soldaten ausliefern.

Der Roman wurde zum Skandal: Wie kann ein Transvestit das Dorf retten? Die Kritiker schrieben das Buch gnadenlos nieder. Das Buch floppte.

(Eine Neuauflage erschien 1995 bei suhrkamp taschenbuch und erreichte ein breites Publikum)

Betrügerische Absichten

Buchtipp

"Johannes von Müller: "Einen Spiegel hast gefunden, der in allem Dich reflectirt« Briefe an Graf Louis Batthyány Szent-Ivanyi 1802-1803. Hrsg von André Weibel, erschienen bei Wallstein. Erhältlich bei Löwenherz

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
Wikipedia
Johannes von Müller

In der Wiedner Hauptstraße 37 wohnte bis zu seiner Verhaftung 1804 der attraktive Fritz von Hartenberg. Er war mit dem angesehenen und homosexuellen Historiker und Kustos in der Österreichischen Nationalbibliothek Johannes von Müller geheim liiert. Schließlich war es strafbar, seine Homosexualität offen zu leben. Eine Weile ging die Beziehung gut, aber dann wurde Fritz geldgierig. Er erfand einen Grafen Louis Batthany, der sich aus der Ferne unsterblich in Johannes von Müller verliebt habe. Über ein Jahr lang schrieben sich Johannes von Müller und Louis Batthany mehr als 100 Briefe.

Fritz von Hartenberg diente als Postillion d'Amour und brachte die von ihm aka Batthany verfassten Briefe zu Müller und liefert die Müller'sche Post beim vermeintlichen Verehrer ab. Schlussendlich bat der fiktive Batthany Müller um Geld. Ohne, dass Müller ihn je gesehen hatte, „schickte“ er ihm mehr als 10.000 Gulden. Er verschuldete sich und unterschlug Geld, um seinem vermeintlichen Geliebten auszuhelfen. Schließlich entdeckte Müller, dass es den geliebten Batthany nicht gibt. Der Skandal flog auf. Die Polizei fand bei einer Hausdurchsuchung im Haus Hartenbergs die Briefe und beschlagnahmte sie.

Johannes von Müllers Karriere war zerstört, er wurde in Wien zur persona non grata.

Lilienmuki

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
Qwien
Aus der Oesterreichischen Kriminal-Zeitung 1907

In der Floragasse 4 wohnte „Lilienmuki“, er bot sich als männliche Prostituierte an. 1907 steckte er einem Journalisten einen rosa Zettel zu: Die Liebe kommt vom Märchenland“.

Im heute nicht mehr existierenden Kaffeehaus Paulanerhof trafen sich in den 1920er und 1930er Jahren Homosexuelle. Das geht aus den Strafakten hervor, die sich im Wiener Stadt- und Landesarchiv erhalten haben, in denen das Kaffeehaus immer wieder als Treffpunkt der „Warmen“ genannt wird.

Frauenliebe

Buchtipp

"Die Geschichte der Sidonie C., Sigmund Freuds berühmte Patientin" von Ines Rieder und Diana Voigt, erschienen bei zaglossus

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
Zaglossus Verlag
Sidonie Csillag

In der Wiedner Hauptstraße 14 wuchs Sidonie Csillag auf. Sie verliebte sich als junge Frau in die „Skandalbaroness“ Leonie Puttkamer, verheiratete Geßmann, die gerade in einer komplizierten Ménage à trois mit einer Frau und einem Mann das Leben genoss.

Sidonies Vater hörte von der „skandalösen“ Beziehung und schickte seine Tochter nach einem Selbstmordversuche, weil Leonie ihre Liebe nicht entsprechend erwiderte, zur Heilung ihrer Homosexualität zum berühmten Doktor Sigmund Freud in die Berggasse. Die Psychotherapie war erfolglos.

Sidonie war mit ihrer Frauenliebe glücklich.

Surferboys am Pool

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
Qwien
Originalplakat

Im Schikaneder Kino (Margaretenstraße 24) fand 1982 das erste Schwulen- und Lesbenfilmfestival Wiens statt.

Andreas Brunner erzählt: „Ich sah die Dokumentation „A Bigger Splash“ über den britischen Maler David Hockney, der schon seit den 1960er Jahren offen schwul lebte. In Kalifornien malte er gut gebaute, nackte Surferboys, die am Pools liegen. Ich war so bewegt. Männer die sich unbefangen berührten, die in ihrer Nacktheit vollkommen gelassen waren. Solche Bilder hatte ich noch nie gesehen.“

Coming out

Am Kühnplatz 4 öffnete für zwei Jahre (1983/84) das erste Gasthaus für Schwule und Lesben. Das „Coming out“ war ganz anders als die schummrigen Schwulenlokale: wie das „Nightshift“ in der Corneliusgasse und das Stricherlokal „Goldener Spiegel“. Man konnte sich zum Abendessen verabreden, gepflegt speisen und an der Bar flirten.

Deportiert

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
Carry Hauser
Richard Lanyi in seinem Buchladen

In der Mühlgasse 11 lebte bis zu seiner Deportation nach Auschwitz der jüdische Buchhändler Richard Lányi (1884-1942). Bis 1938 betrieb er eine damals in Wien sehr bekannte Buchhandlung in der Kärntnerstraße, in der die Karten für die stets ausverkauften Vorlesungen für Karl Kraus vertreiben wurden.

Er verlegte auch Bücher über Karl Kraus, legte Kunstmappen mit Werken von Egon Schiele auf und handelte unter dem Ladentisch mit Pornografie. Zumindest behauptete das das Revolverblatt „Die Stunde“: „Die Buchhandlung Lányi, sei der Treffpunkt der homosexuellen Intelligenz Wiens“. Der Ruf des „Porno-Buchhändlers“ blieb Lányi haften, er wurde sogar vor Gericht gestellt, aber von allen Anschuldigungen frei gesprochen.

Paragrafendschungel

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
Marliese Mendel

In der Heumühlgasse liegt das Vereinslokal GUGG der ältesten schwul-lesbische NGO Österreichs. Der Verein HOSI wurde 1979/80 noch in der Zeit des „Vereinsverbots“ („Werbeparagraph“: § 220: „Werbung für Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechts“) gegründet.

Justizminister Christian Broda hatte 1971 zwar das Totalverbot (Paragraph 129 Ib) abgeschafft, aber gleichzeitig vier Sonderparagrafen einführt: § 209 „männliche gleichgeschlechtliche Unzucht mit Personen unter 18 Jahren“, § 210: „gewerbsmäßige männliche gleichgeschlechtliche Unzucht (Prostitution)“, § 220 Werbung für Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechts“ und § 221: „Verbindungen zur Begünstigung gleichgeschlechtlicher Unzucht".

Broda entschied, dass das Vereinsverbot nur für Vereine gelte, die in gewinnnütziger Absicht Homosexualität propagieren würden. Bei der HOSI war das nicht der Fall. Deshalb wurde der Verein nicht untersagt. Die Schwulen- und Lesbenbewegung in Österreich begann.

Razzien

Andreas Brunner führt regelmässig durch das schwule und lesbische Wien
Marliese Mendel

In der Hofmühlgasse 14 war bis vor kurzem das lange Zeit älteste Schwulenlokal Wiens. In der Zeit des „Totalverbots“ gab es immer wieder Razzien. Günther Tolar wurde hier verhaftet und musste eine Nacht im Gefängnis verbringen. Die Künstler kamen nach ihren Auftritten im Theater an der Wien in die Alte Lampe. So soll hier Leonard Bernstein Klavier gespielt haben, was der Tänzer Rudolf Nurejew getan hat, ist nicht überliefert.

Begleitende Lektüre

"Die Geschichte der Sidonie C., Sigmund Freuds berühmte Patientin" von Ines Rieder und Diana Voigt, erschienen bei zaglossus

"Geliebter Buchladen" von Friedrich Heydenau, erschienen im Wilhelm Herzog Verlag (ist leider vergriffen, aber es gibt Ansichtsexemplare bei Qwien)

"Johannes von Müller: "Einen Spiegel hast gefunden, der in allem Dich reflectirt« Briefe an Graf Louis Batthyány Szent-Ivanyi 1802-1803. Hrsg von André Weibel, erschienen bei Wallstein. Erhältlich bei Löwenherz

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