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Foto: Tom Linecker
Rechercheplattform

Dossier

Freitag, 1. August 2014
Die Rechercheplattform Dossier hat mit ihren Reportagen zu der „Inseratenaffäre“ und zu den Lebensbedingungen in Asylquartieren Aufsehen erregt. Damit haben sie bewiesen, dass aufwendig recherchierter Journalismus nötig und machbar ist. Ein Interview mit Gründungsmitglied Georg Eckelsberger.

Recherche *Heute* (Quelle: Dossier)

Erhebungszeitraum:
6.9.2004 – 31.12.2011
Anzahl der erhobenen Ausgaben:
1.836
[...]
Per Hand eingetragene Daten:
175.068
Dauer der Erhebung in Stunden:
132
Anzahl der erhobenen Firmen:
997

dieZeitschrift: Was ist das Ziel von Dossier?

GE: Wir sind ein Rechercheteam, das sich auf investigativen und auf Datenjournalismus spezialisiert hat. Wir führen tiefgreifende und umfassende Recherchen durch. Zu Themen, die im öffentlichen Interesse stehen, die recherchiert werden müssen. Wir möchten etwaige Missstände aufdecken. Das Prinzip ist simpel: Wir möchten den Bürgern Informationen zugänglich machen. Sei es, dass die Stadt Wien besonders viel Geld in eine gewisse Zeitung steckt, oder wie Asylsuchende in Österreich untergebracht sind. Die Menschen sollen das wissen, damit sie bessere Entscheidungen treffen, selber tätig werden oder bei der nächsten Wahl darauf reagieren können.

dieZeitschrift: Sie recherchierten die Schaltung von Inseraten in der Gratis-Tageszeitung Heute von Seiten der Stadt Wien, von Staatsbetrieben, Ministerien, Politischen Parteien und Interessensvertretungen.

GE: Zu viert verbrachten wir den Sommer 2012 in der Nationalbibliothek. Wir haben in 1.836 Ausgaben der Gratiszeitung aus den Jahren 2004 bis 2011 sämtliche Inserate gezählt, kategorisiert und ausgewertet. So konnten wir den Anteil der öffentlichen Gelder am Gesamtvolumen darstellen.

Klagsandrohung

dieZeitschrift: Auf was haben Sie bei der Recherche besonders Wert gelegt?

GE: Wir belegen Sachverhalte mit harten Zahlen. Als Journalist bin ich darauf angewiesen, gute Argumente in der Tasche zu haben. Die Herausgeberin der Tageszeitung Heute, Eva Dichand, drohte uns im Oktober 2012 mit einer Klage. Wir haben sie nie erhalten. Die Klagsandrohung hat uns nicht wirklich beunruhigt. Wir waren jederzeit bereit, den Wahrheitsbeweis anzutreten und auch unsere Erhebungsmethode und unsere Arbeitsweise offen zu legen.

dieZeitschrift: Was passierte nach der Veröffentlichung Ihrer Rechercheergebnisse?

GE: Wir waren von den Reaktionen positiv überrascht und kurze Zeit auch überwältigt. Unsere Recherche hat offenbar das Interesse vieler Menschen erregt. Wir erhielten viele E-Mails von Lesern. Das war für uns ein eindeutiges Zeichen: Wir müssen in dem Bereich weiter machen. Hier gibt es Bedarf.

Medientransparenz

Medientransparenzdatenbank
Am 01.07.2012 trat das Medienkooperations- und -förderungs-Transparenzgesetz in Kraft. „Es sieht Bekanntgabepflichten zu Medienkooperationen und -förderungen für Rechtsträger vor, die der Kontrolle des Rechnungshofes des Bundes unterliegen. Diese Bekanntgabepflichten müssen jeweils innerhalb von zwei Wochen im Anschluss an ein Quartal erfüllt werden. Die Kommunikationsbehörde Austria (KommAustria) hat für die Durchführung der Bekanntgabe eine Webschnittstelle einzurichten.“ Quelle: RTR

dieZeitschrift: Haben Sie mit Ihren Recherchen etwas bewirkt?

GE: Wir haben Aufmerksamkeit für das Thema Inseratenvergabe geschaffen. Ich würde mich freuen, wenn es einige Leser gibt, denen unsere Geschichte vor Augen geführt hat, was die „Inseratenaffäre“ eigentlich bedeutet.

Aus der Medientransparenzdatenbank der Regulierungsbehörde geht hervor, dass die Stadt Wien immer nach ein großzügiger Inserent ist. Die Datenbank hat aber auch große Schwächen, weil der Gegenwert der bezahlten Inserate nicht angeführt wird. Ein Inserat hat also das Potential zu einer Art Blankoscheck.

Über die Recherche in den Asylquartieren wurde in vielen Tageszeitungen, im ORF und sogar in der Heute berichtet. Nachdem wir die Recherche auf Bayern ausgeweitet haben, berichtete auch die Süddeutsche Zeitung darüber.

Vor allem übernahmen viele Regionalzeitungen das Thema. Wir veröffentlichten eine Österreichkarte, in der die Asylquartiere eingezeichnet sind. Die Reporter der Regionalzeitungen fuhren selbst zu den Häusern und machten sich ein Bild von der Lage. Wir hatten auf so etwas gehofft.

dieZeitschrift: Wie haben die Länder darauf reagiert?

GE: Die Reaktionen der Landesregierungen hätten unterschiedlicher nicht sein können. In Salzburg verbreitete die Landesrätin Martina Berthold (Grüne) am Tag der Veröffentlichung unseren Artikel via Facebook und Twitter. Sie hat die Recherche zum Anlass genommen, das Thema anzugehen.

In Niederösterreich gab es keinen Willen zur Kooperation, und im Burgenland war der zuständige Landesrat nicht zu einem Interview bereit.

Einige der Asylquartiere, die bei unserer Recherche sehr negativ aufgefallen sind, sind immer noch im Betrieb, einige sind geschlossen worden.

dieZeitschrift: Wie finanziert sich Dossier?

GE: Wir haben von Beginn an ausgeschlossen, dass wir auf der Webseite Werbung schalten, Geld von politischen Parteien nehmen, oder eine Presseförderung in der derzeitigen Form akzeptieren. Wir sind deshalb auf die Unterstützung der Leser angewiesen.

Wir halten außerdem Vorträge und übernehmen Rechercheaufträge. Wir sind aber kein ausgelagertes Rechercheteam für andere Redaktionen. Wir wollen nicht, dass österreichische Medien ihre Recherchekapazitäten auslagern, während sie ihre eigenen Redaktionen reduzieren. Allerdings ist es in Österreich anscheinend im normalen Medien-Workflow nicht möglich, ausführliche, mehrmonatige Recherchen durchzuführen. In solchen Fällen arbeiten wir gerne auch mit anderen etablierten österreichischen Medien zusammen und veröffentlichen die Ergebnisse dann in Kooperation: Bei der Recherche über die Situation der Menschen in den Asylquartieren arbeiteten wir zum beispiel mit Servus TV zusammen. Der Austausch ist gewinnbringend für beide Seiten, man lernt viel voneinander und das Ergebnis wird besser.

Wir nehmen aber auch Rechercheaufträge vor allem von ausländischen Medien an. Wir haben z.B. für die BBC-Serie „Who do you think you are“ über Marianne Faithfulls Zeit in Wien recherchiert (Anmerkung: Erstausstrahlung im Juli 2013 auf BBC).

Wir bieten auch maßgeschneiderte Weiterbildungen in unseren Kernbereichen Online-Journalismus, Datenjournalismus und Investigativjournalismus an.

dieZeitschrift: Dossier arbeitet auch mit der Crowdfunding-Plattform Respekt.net zusammen.

GE: Die Crowdfunding-Plattform unterstützt zivilgesellschaftliches Engagement. Ein paar Monate nach dem Start von Dossier ist Respekt.net auf uns zugekommen, und seither arbeiten wir erfolgreich zusammen. Einzelne Dinge, die wir für unsere Recherche brauchen, werden via Respekt.net von der Crowd finanziert. Für eine aktuelle Recherche brauchen wir z. B. Zugang zum Firmenbuch. Eine Abfrage kostet zwei bis drei Euro, und es geht hier um viele Abfragen. Auch die Finanzierungskampagne für die Dossier-Academy läuft auf Respekt.net

dieZeitschrift: Was ist Ihre journalistische Vision?

GE: Nach meinem Studium ging ich in eine Branche, in der Untergangsstimmung und Resignation vorgeherrscht hat.

Wir sparen nicht am Journalismus, schränken uns nicht ein, sondern wir konzentrieren uns noch mehr auf die zeitintensive Recherche, die aus Sicht der Medien nicht sehr lukrativ ist. Wir versteifen uns auf unsere journalistischen Ideale. Wenn man daran glaubt, dass es kritischen Journalismus geben soll, dann muss man jetzt auch handeln. Nicht den Verlagshäusern glauben, dass Journalismus und Recherche nicht mehr finanzierbar ist. Es geht darum, neue Wege zu finden.

dieZeitschrift: Seid ihr stolz auf Euch?

GE: Ich bin stolz auf unsere Recherchen und darauf, dass wir ein Team sind, das seit zwei Jahren unter nicht immer leichten und vor allem teilweise unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen eine klare Idee hat, die sie mit großem Eifer und Einsatz verfolgt.

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