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Marliese Mendel
Kinderheimskandal

„Wenn du schlimm bist, kommst du ins Heim“

Mittwoch, 22. Januar 2014
Zwischen 1945 und 1980 lebten rund 100.000 Kinder und Jugendliche in staatlichen und kirchlichen Heimen. Viele von ihnen wurden sexuell missbraucht, mit fragwürdigen medizinischen Methoden „behandelt“ und waren körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt. dieZeitschrift hat mit dem *Kurier*-Journalisten und Ko-Autor des Buches „Verwaltete Kindheit – Der österreichische Heimskandal“, Georg Hönigsberger, gesprochen.

Misshandlungen

Im Juli 2011 rief der Wiener Anwalt Johannes Öhlböck in der Kurier-Redaktion an und berichtete von zwei Schwestern, die im Kinderheim Wilhelminenberg misshandelt worden seien. Georg Hönigsberger und seine Kollegin Julia Schrenk begannen zu recherchieren und brachten so den Heimskandal in Österreich ins Rollen.

Rund 100.000 Kinder und Jugendliche verbrachten zwischen 1945 und 1980 ihre Kindheit in Heimen. Sie wurden zur Arbeit gezwungen und körperlich, seelisch und sexuell missbraucht. Die Kinder wurden im Karzer eingesperrt, mussten sich nackt vor Erziehern auf Sauberkeit überprüfen lassen und wurden von Psychologen mit „Fieberkuren behandelt“.

Spätestens seit der „Wiener Heimstudie“ 1974 war offiziellen Stellen die schreckliche Situation in den Kinderheimen bekannt. Die Soziologin und Leiterin der Studie, Irmtraut Karlsson, meldete sich bei den Heimen an, so wurde sie nicht Zeugin von Misshandlungen. Trotzdem kam sie zum Schluss, dass mindesten elf Heime geschlossen werden müssten. Sie stufte sie als restriktive und totale Institutionen ein. Die Kinder wurden von der Gesellschaft isoliert und von einer zentralen Stelle überwacht. Politik und Verantwortliche reagierten auf die Studie und andere diesbezüglichen Publikationen mit Schweigen. Es kümmerte sich auch kaum jemand um die entlassenen Heimkinder.

Mit 18 Jahren wurden viele Jugendliche auf die Straße gesetzt, ohne Ausbildung, ohne Zuhause, ohne Zukunft. Viele gerieten auf die schiefe Bahn oder blieben über viele Jahre obdachlos. Wie Reini, er kam als Kleinkind ins Heim, war jahrelang in der berüchtigten Psychiatrie am Spiegelgrund und wurde mit 18 aus dem Heim entlassen. 25 Jahre lang lebte er als Obdachloser unter den Brücken des Wienflusses und verlernte beinahe das Sprechen. Durch die Recherchen von Journalisten fand Reini Hilfe. Der Staat zahlte ihm eine Entschädigung. Doch Reini spendete das Geld und arbeitet jetzt in Sozialprojekten. Er ist einer von rund 4000 ehemaligen Heimkinder die bisher entschädigt wurden.

Schreckliche Kindheit

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Marliese Mendel
Buchpräsentation: Erni Mangold und Karl Markovics

dieZeitschrift: Wie begannen die Recherchen?

GH: Es begann mit einem Anruf des Rechtsanwalts Johannes Öhlböck im Juli 2011. Er erzählte von zwei Mandantinnen, die in den 70er Jahren in einem Wiener Kinderheim unter den furchtbaren Zuständen gelitten hätten. Öhlböck war mit Forderungen nach Schadenersatz von der Stadt Wien abgeschmettert worden.

Ich traf die beiden Schwestern, und sie erzählten von folterähnlichen Erziehungsmethoden. Kinder wurden mit dem Kopf in die Klomuschel gesteckt, sie mussten Erbrochenes aufessen und wurden sexuell missbraucht. Ich begann zu recherchieren. Denn würde die Geschichte der beiden Frauen von anderer Seite bestätigt, wäre das ein Riesenskandal. Es war schwierig, weitere Kinder des Wilhelminenbergheimes zu finden. Viele hatten geheiratet und ihren Namen gewechselt. Wir fanden jedoch mehrere Erzieherinnen. Eine von ihnen stritt im Interview alle Vorwürfe ab. Nach weiterer Recherche stellte sich heraus, dass sie, Schwester Linda, für ihre brutalen Erziehungsmethoden bekannt gewesen war. Andere Erzieherinnen waren sehr kurz angebunden.

Nach drei Monaten Recherche, am 16. Oktober 2011, kam der Artikel über den Missbrauch der Heimkinder als Titelgeschichte des Kuriers heraus. Die ZIB berichtete darüber, dann griffen andere Medien das Thema auf und es folgte ein weltweites Echo.

Ab dem Zeitpunkt, als die Zeitung am Sonntagmorgen herauskam, läutete bei mir und Julia Schrenk pausenlos das Telefon. Am Montag half die Redaktions-Sekretärin die Anrufe entgegen zu nehmen. Ehemalige Heimkinder riefen aus ganz Österreich an. Leute die zum Teil das erste Mal in ihrem Leben mit mir oder meiner Kollegin über ihre schrecklichen Erlebnisse gesprochen haben. Selbst die Ehepartner wussten oft nichts von ihrer schrecklicher Kindheit.

Es war unmöglich, alle Anrufe persönlich entgegen zu nehmen. Der Kurier engagierte dann zwei Psychologinnen, um die Leute zurückzurufen, Erstgespräche zu führen und Hilfe anzubieten.

Im Laufe der Zeit habe ich selbst mit rund 200 Betroffenen aus ganz Österreich gesprochen. Es waren teilweise stundenlange Gespräche mit den ehemaligen Heimkindern.

Kommissionen

dieZeitschrift: Welche Reaktionen gab es auf den Artikel?

GH: Durch die breite Berichterstattung richtete die Stadt Wien die Wilhelminenbergkommission unter der Leitung von Barbara Helige (Endbericht im Juni 2013 erschienen) ein.

In Tirol wurde eine Kommission zu „Arbeit in Heimen“ gegründet. Heimkinder waren gezwungen worden, zu niedrigstem oder gar keinem Lohn zu arbeiten: etwa bei den Firmen Swarovski und Darbo. Mädchen mussten in Wäschereien arbeiten. Es glich Zwangsarbeit, denn hätten sie die Arbeiten nicht verrichtet, wären sie wahrscheinlich in den Karzer gesperrt worden oder hätten andere Strafen ausgefasst. Da nicht von Zwang zu sprechen, ist unmöglich.

Die Tiroler Kommission legte nun einen Bericht vor, aus dem hervorgeht, dass alles nicht so schlimm sei und die Mädchen „eh“ ein bisschen Geld bekamen. Es wurde schon wieder alles abgeschwächt. Die Firma Darbo bezahlte jenen, die sich meldeten und für diese Firma in der Zeit gearbeitet hatten, unbürokratisch im Jahr 2012 die Löhne nach aktuellen Stand des Gehaltsschemas nach.

Es gab auch Vorwürfe gegen das Bundesheer, dass Mädchen von Soldaten bei einem Faschingsball missbraucht worden seien. Das Bundesheer gründete eine eigenen Kommission. Bislang ist aber scheinbar bei den Ermittlungen der Polizei noch nicht viel herausgekommen.

Die beiden Schwestern aus dem Heim Wilhelminenberg wurden schließlich vom Weissen Ring und der Stadt Wien entschädigt.

Brutale Erziehungsmethoden

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Marliese Mendel
Die Autoren: Georg Hönigsberger und Irmtraut Karlsson

dieZeitschrift: Welche Kinder kamen in Heime?

GH: Die Drohung vieler Eltern an ihre Kinder, „wenn du schlimm bist, kommst du ins Heim“ ließ den trügerischen Rückschluss zu, dass nur unartige Kinder in Heimen leben. Das stimmt nicht, weil 80 % der Heimkinder aus der untersten Arbeiterschicht stammten. Sie hatten ihre Familien verloren oder der Erziehungsberechtigte war in Haft. Viele alleinerziehende Mütter arbeiteten in schlecht bezahlten Jobs und konnten ihre Kinder wegen der langen Arbeitszeiten nicht beaufsichtigen.

dieZeitschrift: Wusste man in den 70er Jahren tatsächlich nichts über die Situation in den Kinderheimen?

GH: Spätestens seit den 70er Jahren war bereits sehr viel bekannt. Die linksgerichtete Jugendbewegung Spartakus kümmerte sich um Heimkinder. Sie deckten schon 1970 und 71 die brutalen Erziehungsmethoden in den Heimen auf. Scheinbar hat sich die Politik nicht dafür interessiert. Dabei erregte die Gruppe Spartakus durchaus Aufmerksamkeit: Sie sperrten sich in einen leeren Löwenkäfig in Schönbrunn oder mussten von der Polizei aus dem Turm des Stephansdoms getragen werden.

Es gab im Jahr 1974 die Erste „Wiener Heimstudie“, die von Irmtraut Karlsson initiiert wurde. Sie stellte schon damals fest, dass zumindest elf der 34 Wiener Kinderheime sofort zu schließen seien. Es waren totale Institutionen, sprich, Kindern wurde jede Freiheit genommen, Kind zu sein. Die Studie wurde damals vom Jugendamt in Auftrag gegeben. Aber es folgten keine Konsequenzen.

Heute dazustehen und zu sagen, das haben wir alles nicht gewusst, das ist schon so lange her, ist vollkommen falsch.

Factbox

Georg Hönigsberger, Irmtraut Karlsson: „Verwaltete Kindheit“ erschienen im Kral Verlag im Oktober 2013.
Lesungen aus dem Buch „Verwaltete Kindheit – der österreichische Heimskandal“:
23. Jänner, 2014, 19 Uhr, Rathaus Bad Vöslau, Festsaal; Eintritt frei.
Es lesen Irmtraut Karlsson und Georg Hönigsberger
20. Februar 2014, 18 Uhr, Künstlerhaus, Wien; Eintritt frei.
Lesung der beiden Autoren im Rahmen der Kunstausstellung „Krieg gegen Kinder“

Betroffene können sich an folgende Institutionen wenden:
In Wien: Weißer Ring,
Kirchliche Institution: Opferschutzkommission,
Verein der österreichischen Heimkinder

dieZeitschrift: Was war die sogenannte „Malariatherapie“?

GH: Bei weiteren Recherchen stießen wir auf die „Malariatherapie“, mit der in den 60er Jahren vorwiegend Heimkinder in der psychiatrischen Klinik in Wien „behandelt“ wurden. Psychiater infizierten Kinder mit Malariaerregern um ihnen „die Flausen aus dem Kopf zu treiben“. Zwei Wochen lang hatten die Kinder Fieberschübe bis zu 41 Grad. Als Flausen bezeichnete man die Ambitionen von jungen Leuten, die die gerne tanzen gingen oder junge Menschen, die Künstler werden wollten. Ihre Eltern wollten das nicht und folgten der Empfehlung von Psychologen, das Kind einer Fieberkur zu unterziehen.

dieZeitschrift: Was war eine der eindringlichsten Geschichte?

GH: Jede einzelne Geschichte ist berührend. Beim Schreiben des Buches stieß ich auf Aufzeichnungen, die mir ein ehemaliges Tiroler Heimkind geschickt hat. Es waren 70 handgeschriebene Seiten. Sie berichtete über ihr schreckliches Leben im und nach dem Heim mit viel Ironie. Die Frau wurde mit 18 Jahren ohne Geld und einem Nylonsackerl voller Kleidung aus dem Heim entlassen. Sie stand ohne Wohnung und ohne Arbeit auf der Straße. Um zu überleben, musste sie sich prostituieren und rutschte ins Milieu ab. Sie ging einbrechen, wurde verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Sie ist inzwischen mehrfache Mutter. Auf die Frage ob sie nun glücklich sei, antwortete sie mir: „glücklich nicht, aber zufrieden“. Aber sie hat immer noch Albträume, dass die Polizei sie abholt und ins Heim bringt.

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