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Betriebsratsobmann Sepp Filz @heimo_halbrainer.jpg, by Heimo Halbrainer
Rezenzion

Das erstaunliche Leben des Sepp Filz

Samstag, 1. Mai 2021
Ein Buch über Abenteuer, Widerstand und Wiederaufbau

Der Autor Heimo Halbrainer kannte den Weltreisenden, Widerstandskämpfer, Partisan und Betriebsrat Sepp Filz noch persönlich und hat seine erstaunliche Geschichte aufgeschrieben: „Sepp Filz – Walz, Widerstand, Wiederaufbau“ (erschienen bei Clio Graz/2021). Halbrainer bettet die spannende Biografie in zeithistorische Ereignisse ein, in die bisher undokumentierte Geschichte des Widerstands und des beginnenden Kalten Krieges in der Steiermark und der ArbeiterInnenbewegung von der Monarchie bis in die 1950er-Jahre. Prädikat: sehr lesenswert.

Ein bisserl Fernweh
Als Sepp Filz am 18. November 1906 in Donawitz auf die Welt kam, schien sein Lebensweg vorgezeichnet. „Ich bin in das Werk gekommen, das war der Weg meiner Familie“, erinnerte er sich später. Wie sein Großvater, Vater und Bruder absolvierte er eine Lehre – Sepp wurde Schlosser – im „Reich der Alpine“ (heute VOEST) in Donawitz. Im Jahr 1924 folgte er einer weiteren Tradition: „Ein Handwerker ist auf die Walz gegangen. Wenn er nicht auf der Walz war, hat er gar kein Ansehen gehabt,“ erzählte Filz seinem Biografen Halbrainer und auch, dass er „ein bisserl ein Fernweh gehabt“ hatte.

Seine Walz begann mit einer Dokumentenfälschung. Filz machte sich um ein paar Monate älter, damit er als Volljähriger Arbeitsverträge unterzeichnen durfte. Zwei Jahre lang zog Filz mit seinen Walzbrüdern durch Österreich und bis nach Deutschland. Er arbeitete als Holzarbeiter, Schmied und Schlosser, verdiente gutes Geld und erhielt zwei wichtige Dokumente: Das Wanderbuch, so konnte er in den Wanderherbergen übernachten und nach seinem Gewerkschaftsbeitritt das Gewerkschaftsbuch.

Der verlorene Glauben an den Sozialismus
Im Jahr 1926 kehrte er nach Donawitz zurück. Er erkannte es kaum wieder. Die sozialen Errungenschaften der Ersten Republik wie der Acht-Stunden-Tag und das Arbeiterurlaubsgesetz waren ausgehebelt, kommunistische und freigewerkschaftliche Betriebsräte gekündigt, Lohnkämpfe erfolglos, die Arbeitslosigkeit gestiegen und die Ernährungslage schlecht. Die ArbeiterInnen verloren ihren Glauben an den Sozialismus und die Mitgliedszahlen bei den Gewerkschaften sanken rapide ab. Filz fand erst nach einiger Zeit wieder Arbeit und schmiedete aber auch gleichzeitig Pläne für eine Weltreise.

Ein Blödsinn
Er „rechnete“ im Juni 1928 im Hüttenwerk Donawitz ab und „trippelte“ los. In Steyr verliebte er sich, vertrank sein Geld beim Münchner Oktoberfest, arbeitete und hatte stets das Gewerkschaftsbuch in der Tasche. Damit konnte er in jeder Stadt in den Gewerkschaftshäusern Essensmarken oder Geld erhalten und übernachten – solange bis es ihm wegen einem „Blödsinn“ weggenommen wurde.

Dokumentenfälschung, die Palme und Schwarzfahrerei
In Berlin wohnte er im Obdachlosenasyl „Palme“ und wurde täglich entlaust, er trat der KPD bei und wurde von der Polizei bei einer Demonstration verprügelt. Er zog weiter nach Holland, arbeitete in einem katholischen Seminar als „Mädchen für alles“, traf einen Freund in Luxemburg und wanderte schließlich nach Paris, besorgte sich eine Identitätskarte und schuftete nur mit Holzpantoffeln und einem Lederfleck über dem „Gscham“ als Hilfsarbeiter in einer Antrazitkohlengrube in Decazeville. Er musste aus Paris jedoch weg, weil eine weitere Dokumentenfälschung aufflog. Filz wanderte weiter nach Bordeaux und durchfuhr Spanien als Heizergehilfe in einem Zug. Dann ging es weiter nach Algier und Marokko – diesmal ritt er auf Kamelen und Eseln oder ging zu Fuß.

Er wollte als blinder Passagier nach Odessa reisen, wurde aber an der algerischen Küste ausgesetzt, dort von Arabern empfangen, verköstigt und in die nächste Stadt gebracht. Dann ging es weiter nach Ägypten, dort wurde er aber wegen Schwarzfahrerei ausgewiesen. Und über Sizilien reiste er 1932 zurück in die Steiermark.

Wir hauen dir “den Schädel runter”
Wieder hatte sich Donawitz verändert: die Faschisten regierten in den Betrieben. Filz fand keine Arbeit, aber er betätigte sich politisch, referierte und unterstützte Streiks gegen Lohn- und Sozialkürzungen, protestierte gegen Verhaftungen und wurde selbst festgenommen und wieder freigelassen. Er legte die Nazis rein, verteilte antifaschistische Flugblätter, beteiligte sich an der Hungerdemonstration in Graz, wurde von der Polizei verprügelt und weigerte sich, zu illegalen SS zu gehen, diese drohten ihm: „wenn du irgendwas [gegen die Nationalsozialisten] machst, hauen wir den Schädel runter!“

Am 12. Februar 1934, am Tag des Beginns der Februarkämpfe, war Filz Schifahren. Als er nach Leoben zurückkam hatten das Bundesheer und die Polizei bereits über die AntifaschistInnen gesiegt. Filz und andere wurden von Heimwehrlern verhaftet und an die Wand gestellt, ein Gendarm rettete ihnen das Leben und Filz wurde freigelassen.

Illegale Reisen
Er schloss sich den Kämpfern an, versteckte Waffen und musste schließlich zusehen, wie die Austrofaschisten die freien Gewerkschaften verboten. Aus dem Weltreisenden Filz wurde ein Widerstandskämpfer und Häftling im Anhaltelager in Waltendorf bei Graz. Kaum freigelassen, reiste er im Sommer 1935 zum VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationalen nach Moskau – kehrte auf illegalen Wegen über Prag und Gmünd zurück nach Leoben. Dort nahm er den Kampf gegen die Faschisten wieder auf.

Partisanenanleihe
Nach dem sogenannten „Anschluss“ besuchte der Oberbefehlshaber der NS-Luftwaffe, Hermann Göring, das Hüttenwerk in Donawitz und versprach, dass jeder „deutsche, gesunde Mann“ Arbeit finden würde. Filz begann als Schlosser bei der Hochofenzustellung, so wie viele andere Arbeitslose auch.

Die Heilsversprechung der Nationalsozialisten endete mit Kriegsbeginn im September 1939 mit Lohnstoppverordnungen, Kriegszuschlag zur Lohnsteuer, Abschaffung der Zuschläge für Sonn-, Nacht- und Feiertagsarbeiten. Gleichzeitig verschlechterte sich die Ernährungslage. All das wurde zum Nährboden für Widerstand. Die Kommunisten sammelten Spenden, bauten Widerstandszellen auf, verteilten Flugblätter und warben Mitglieder. Die Nationalsozialisten antworteten mit großen Verhaftungswellen.
Die kommunistische Widerstandsarbeit änderte sich mit dem Überfall der Nationalsozialisten auf die Sowjetunion im Sommer 1941. Von nun an wurde sabotiert. Ab 1942 intensivierten die Obersteier den Kontakt zur slowenischen Befreiungsfront, organisierten eine große Spendenaktion und legten eine „Partisanenanleihe“ (zehn Reichsmark pro Stück) auf. Als ein Teil des Netzwerkes aufflog, kündigte Filz am 4. April 1943 und schloss sich den slowenischen Partisanen an, ehe er wieder in die Obersteiermark zurückkehrte und hier eine Partisanenorganisation aufbaute. Es folgten geheime Treffen auf Almhütten, sie legten Lebensmittellager an und Schwüre ab, „bis zum letzten Atemzug für die Befreiung Österreichs vom nazistischen Joch zu kämpfen“, organisierten Sabotageakte und mussten zusehen, wie Widerstandskämpfer verhaftet wurden. Filz war bis Kriegsende ständig auf der Flucht.

Die Rückkehr ins Werk
Filz kehrte mit Kriegsende ins Werk zurück und begann einen neuen Lebensabschnitt, als Betriebsratsobmann. Gemeinsam mit Kollegen verhinderte er die Zerstörung der Anlagen durch die abziehenden Nationalsozialisten. Sie brachten den Betrieb ohne staatliche Hilfe ins Laufen und forderten daher ein allumfassendes Mitspracherecht für ArbeiterInnen ein.

Die Betriebsratskörperschaft war erfolgreich: es gab einen Versorgungsausschuss, der die am Arbeitsplatz vor Hunger kollabierenden Arbeiter mit Lebensmittel vorsorgten und einen Produktionskontrollausschuss, der überwachte, wohin die Waren geliefert werden sollten.

Doch zuerst mussten die Schäden am Werk repariert werden, ein schwieriges Unterfangen, der Konzern geriet in finanzielle Schwierigkeiten, wollte Teile des Werks stilllegen und 1.000 ArbeiterInnen entlassen. Filz reiste mit Kollegen nach Wien und rang gemeinsam mit ÖGB-Präsident Johann Böhm und dem Vertreter der Gewerkschaft Metall-Bergbau, Dominik Hummel, dem Staatskanzler Karl Renner das Versprechen ab, das Werk nicht stillzulegen. Von da an ging es aufwärts: am 10. August 1946 floss das erste Eisen.

In den folgenden Jahren kümmerte sich Filz nicht nur um die Produktion, um das Mitspracherecht der ArbeiterInnen sondern auch darum, dass die Beschäftigten und ihre Familien Lebensmittel und Schuhe erhielten. Seine Erfolge brachten ihm aber auch viele Neider und das Erstarken des Sammelbeckens der Nationalsozialisten – der VdU – führte zu Gerichtsprozessen und schließlich dazu, dass Filz in der Steiermark Berufsverbot erhielt, aus Donawitz wegging und bei Voith in St. Pölten zu arbeiten begann und häuslich wurde. Er heiratete und wurde Vater eines Sohns.

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