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privat
Satiremagazin

„In China haben uns 14 Online-Zeitungen ernst genommen“

Freitag, 19. Dezember 2014
Das Online-Satiremagazin „Die Tagespresse“ hat im Internet mittlerweile mehr Reichweite als so manche etablierte österreichische Medien. Gründer Fritz Jergitsch verrät im Interview mit dieZeitschrift, wie er auf seine Ideen kommt wer seinen erfundenen Artikeln schon auf den Leim gegangen ist.

Fritz Jergitsch hat vor eineinhalb Jahren das Online-Satiremagazin Die Tagespresse gegründet. Seine Webseite hat mittlerweile 1,2 Millionen Unique Visitors, und einmal pro Jahr werden seine besten Artikel von namhaften Verlagen als Buch herausgegeben. Der 24-Jährige erzählt, warum Die Tagespresse langsam den Zenit erreicht und mit welchem Artikel er chinesische Journalisten narrte.

dieZeitschrift: Was war bisher dein erfolgreichster Artikel?
Jergitsch: Das war im November. Er hieß: Brief lag jahrelang auf Postamt herum: Aufnahmebestätigung der Kunst-Uni erst jetzt an Adolf Hitler zugestellt. Der wurde 1,2 Millionen Mal gelesen, hauptsächlich in Deutschland.

dieZeitschrift: Wie läuft denn ein mittelmässiger Artikel bei dir?
Jergitsch: Ein mittelmässiger Artikel hat ungefähr 5000 Facebook-Likes und etwa 35.000 Leser. Ich weiß schon nach einer Minute anhand der Likes, ob eine Geschichte ein Hit wird oder nicht.

„Ich schreibe am liebsten über Österreich“

„Die Tagespresse"-Buch Residenz Verlag
Residenz Verlag

dieZeitschrift: Hast du nach dem Hitler-Artikel nun auch viele Fans in Deutschland?
Jergitsch: Nein, eigentlich nicht so. Ich werde noch immer am liebsten in Österreich gelesen. Ich glaube, 85 oder 95 Prozent der Facebook-Likes stammen aus Österreich. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Ich schreibe am liebsten über Österreich: Ich glaube, ich könnte die deutsche Zielgruppe überhaupt nicht bedienen. Ich würde das auch gar nicht wollen. Wenn ich irgendwann 50 Prozent deutsche Facebook-Fans hätte, und ich poste etwas mit Österreich-Bezug, dann liken die das nicht. Dann hätten meine Postings eine viel geringere Engagement-Rate und verbreiten sich nicht mehr so schnell, weil Facebook glaubt, der Inhalt ist langweilig. Die Tagespresse lebt aber von dieser hohen Verbreitung auf Social Media. Insofern wäre es falsch, wenn ich mich einer anderen Leserschaft widmen würde.

dieZeitschrift: Du liegst mit deiner Seite besser als so manche etablierte österreichischen Medien.
Jergitsch: Ja. Laut ÖWA-Reichweitenmessung liegen wir zum Beispiel vor den Online-Ausgaben von Format, profil oder Woman. Bei den Unique Visitors erreichen wir sogar fast das Niveau von Heute. Die haben 1,5 Millionen Unique Visitors, und die Tagespresse hatte im November 1,2 Millionen. Das ist sozusagen noch die Konkurrenz, die wir einholen müssen (lacht). Aber in einem kleinen Land wie Österreich ist das wohl schon das Limit. Viel mehr Leute, die Satire lesen gibt es wahrscheinlich nicht mehr. Wir sind langsam am Zenit angelangt. Die meisten jungen Leute, die auf Facebook sind, kennen uns schon fast alle.

„Am Anfang habe ich inkognito geschrieben“

dieZeitschrift: Die Tagespresse gibt es seit Mai 2013. Wie hat das Ganze angefangen?
Jergitsch: Ich war gerade mit meinem Bachelor fertig und hatte nicht viel zu tun. Ich hab aus Zeitvertreib begonnen, satirische Artikel zu schreiben. Ich fand es schade, dass es in Österreich kein richtiges Satiremagazin gibt. Irgendwann fing ich an, die Links zu meinen Artikeln bei Standard online zu posten, am Anfang noch inkognito. Ich hatte relativ schnell eine gewisse Anzahl von Fans, und irgendwie wurde es ein Selbstläufer. Von da an ist es stetig gewachsen.

DieZeitschrift: Warum bist du am Anfang anonym geblieben? Hattest du Angst vor Klagen?
Jergitsch: Am Anfang war ich auch noch auf der Seite anonym, ich wollte mal schauen, was passiert. Dann hab ich mir aber gedacht, wenn man schon so freche Artikel macht, muss man auch seinen Namen dazu schreiben können.

dieZeitschrift: Zu Beginn hast du die Seite ganz alleine betrieben?
Jergitsch: Genau. Seit Juli habe ich zwei Co-Autoren. Sebastian Huber und Jürgen Marschal, der auch für Stermann und Grissemann schreibt.

„Manche Artikel wurden ernst genommen“

dieZeitschrift: Der Edward Snowden-Artikel ist ja von manchen Leuten ernst genommen worden. Wie oft passiert es dir, dass eine Geschichte tatsächlich geglaubt wird?
Jergitsch: Es gibt immer wieder einzelne Kommentatoren, die die Satire nicht erkennen. Als noch kein Mensch Die Tagespresse gekannt hat, war es ganz schlimm. Da haben die Leute wirklich alles geglaubt. Kürzlich stand in der Tagespresse: 100.000 Euro Gewinn: Wiener Linien gratulieren 1-Millionstem Schwarzfahrer. In China haben 14 Online-Zeitungen darüber berichtet. Die haben das ernst genommen. Der Snowden-Artikel war einer der ersten, den haben einige Leute auf Twitter als echte Nachricht verbreitet.

dieZeitschrift: Wie oft pro Woche postet ihr einen neuen Artikel?
Jergitsch: An jedem Werktag einen wäre ideal. Das ist noch nicht der Fall. Man könnte im Moment mit Biegen und Brechen fünf Artikel hinkriegen, aber ich veröffentliche lieber drei gute Artikel als drei gute und zwei mittelmässige.

dieZeitschrift: Ist Die Tagespresse dein Hauptjob?
Jergitsch: Ja. Die Seite wird von einer Agentur vermarktet und generiert Geld. Ich arbeite daneben noch für andere Projekte als freier Autor. Jetzt schreib ich bei einer Sendung mit, die im Mai im ORF kommen wird.

„Satire ist ein Mittel, um Kritik zu äußern“

dieZeitschrift: Ist schon mal eine Tageszeitung wegen einer Kolumne an dich herangetreten?
Jergitsch: Nein, aber ich weiß auch gar nicht, ob ich das machen möchte. Die Tagespresse gibt mir sehr viel Unabhängigkeit. Wenn ich mal drei Tage nichts machen will, ist das auch kein Problem.

dieZeitschrift: Willst du mit deiner Seite irgendetwas erreichen, verfolgst du z.B. ein politisches Ziel?
Jergitsch: Ich mache es aus Spaß, aber Satire hat generell einen politischen Zweck. Sie ist ein Mittel, um Kritik zu äußern und Missstände sichtbar zu machen. Ich finde, ein Land kann nie genug Satire haben.

dieZeitschrift: Hast du schon mal rechtliche Probleme bekommen?
Jergitsch: Nein, aber mir wurde schon einmal mit rechtlichen Konsequenzen gedroht. Ich will nicht sagen, wer das war. Der Artikel, um den es ging, war auch wirklich ein bisschen grenzwertig. Ich habe die Geschichte dann ein bisschen abgeändert, und damit war es auch schon gegessen.

dieZeitschrift: Bekommst du manchmal negative Reaktionen?
Jergitsch: Von Politikern nicht. Aber manchmal schreiben mir Leute: ‚He, was fabrizierst du für Lügengeschichten?‘

dieZeitschrift: Beantwortest du solche Mails?
Jergitsch: Nein. Manche Leute wissen nicht, worum es bei Satire geht. Wenn ich zurückschreibe, regen sie sich nur noch mehr auf. Aber die Zielpersonen haben sich noch nie direkt gemeldet. Manche teilen es sogar selber auf Social Media. Roman Rafreider, Neo-Chef Matthias Strolz oder die Band Trackshittaz haben die Tagespresse-Artikel, in denen sie vorgekommen sind, auf Twitter oder Facebook geteilt. Die haben das mit Humor genommen. Das ist auch das beste, was man machen kann.

„Ich schreibe nicht über Opfer“

„Die Tagespresse"-Buch Amalthea
Amalthea Verlag

dieZeitschrift: Kannst du erklären, wie du auf deine Ideen kommst
Jergitsch: Pointen sind immer unerwartete Verbindungen. Die Tagespresse-Headlines sind nichts anderes als Witze über das, was in der Welt so passiert. Es klingt alles plausibel, ist in sich stimmig. Aber ich habe keine bestimmte Technik. Manchmal helfe ich mir mit Mindmaps. Man muss unerwartete Verbindungen sehen. Entweder man kann das, oder nicht. Ein Kabarettist arbeitet ähnlich. Der bleibt auf der Bühne ja auch ernst und lacht nicht über seine eigenen Witze. Darum wird Die Tagespresse so lapidar geschrieben. Das ist auch der Grund, warum sie Die Tagespresse heißt und nicht Kasperlzeitung oder so ähnlich.

dieZeitschrift: Hast du eine Schmerzgrenze? Über wen oder was würdet du dich nicht mehr lustig machen?
Jergitsch: Ich versuche, mich immer über die „Oberen“ lustig zu machen. Wenn ich über etwas Tragisches schreibe, dann muss der Witz auch gegen die richtige Person gerichtet sein. Wenn es eine Hochwasserkatastrophe gibt, dann schreibe ich nicht über die Opfer, sondern zum Beispiel über die Politiker, die mit Gummistiefeln vor den Fotografen herumwatscheln.

Die Tagespresse ist eine österreichische Satireseite. Ausnahmslos alle Artikel sind frei erfunden.

dietagespresse.com

Die Tagespresse-Artikel gesammelt in Büchern:

Vatikan gesteht ein: Erde vermutlich doch keine Scheibe. Die besten Tagespresse-Meldungen. Erschienen 2014 im Residenzverlag. Preis 14.95 €

Der Nonsense-Jahresrückblick … von Österreichs seriösester Tageszeitung. Erschienen 2013 im Amaltha Verlag. Preis 14.95 €

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