Alexandra Gruber
Cannabis

„Cannabis wird als böses Gift verteufelt“

Mittwoch, 5. März 2014
Der Allgemeinmediziner Kurt Blaas kennt sich mit der heilenden Wirkung von Cannabis aus. Patienten aus ganz Österreich reisen an, um sich von ihm mit synthetischen Cannabinoiden behandeln zu lassen. Die Kranken haben meist schon alle schulmedizinischen Heilmethoden ausprobiert, bis sie bei Blaas im Wartezimmer sitzen. Seit Jahren kämpfen er und der „Verein Cannabis als Medizin“ für die Freigabe von Cannabis als Medizin.

Vor 16 Jahren kam ein junger Mann in die Praxis des Allgemeinmediziners Kurt Blaas und fragte ob der Arzt sich mit Cannabis auskennt. Der junge Mann litt an einem Hodenkarzinom, es sollte entfernt werden und er fürchtete sich vor den Nebenwirkungen der Chemotherapie. Er hatte gehört, dass Cannabis gegen die Begleiterscheinungen Depression und Übelkeit helfen. Blaas kannte sich tatsächlich mit Drogenkonsum aus, aber nur als Therapeut für Menschen auf Entzug. Seit den 80er Jahren hatte er als Drogentherapeut in der psychiatrischen Uni-Klinik Wien gearbeitet, wusste aber wenig über heilenden Wirkungen von Cannabis.

Blaas fuhr zu Kollegen nach Deutschland, die sich mit Cannabis als Medizin beschäftigten. Dem jungen Mann verschrieb Blaas kurz darauf das Medikament „Dronabinol", auf Basis von Delta-9-Tetrahydrocannabinol, dem pharmakologisch wirksamsten Bestandteil der Hanfpflanze und erleichterte dem Patienten damit die Nebenwirkungen von Operation und Chemotherapie. Seither behandelt Blaas Patienten, die an Burn Out, Krebs, Multipler Sklerose, Depressionen, Tourette-Syndrom, Morbus Crohn und anderen Krankheiten leiden, mit dem Medikament.

In Wien gibt es momentan rund 400, in ganz Österreich zirka 700 Patienten, im Alter zwischen 35 und 95 Jahren, die damit behandelt werden. Blaas sagt, dass er in Österreich nur den wichtigsten Inhaltsstoff von Cannabis das Delta 9 THC, in Kapselform oder als "ölige, bzw. alkoholische Tropfen" verschreiben dürfe. Es ist ein Monocannabinoid und kann nie so komplett wirken wie Cannabis, das bis zu 70 Cannabinoide beinhaltet. Die meisten Studien wurden über THC gemacht. Aber die Zweite, fast wichtigere Substanz, ist das CBD-Cannabidiol, eine chemische Vorstufe zum THC. Es ist fast nicht psychoaktiv, wirkt entzündungshemmend, zerstört Krebszellen und verhindert die Ausbreitung von Metastasen und hat eine sehr starke immunmodulierende Wirkung.

Heilmittel?

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Marliese Mendel

„Patienten, die an Depressionen und Burn Out leiden, werden oft Anti-Depressiva verschrieben, die bis zu 14 Tage brauchen, um zu wirken. Um diese Zeitspanne zu überbrücken, werden den Patienten oft Tranquilizer verabreicht. Die führen durchaus zu körperlicher Abhängigkeit“, erklärt der Arzt.

„Bei der Verabreichung von synthetischen Cannabinoiden in der richtigen Dosis setzt die antidepressive Wirkung innerhalb kürzester Zeit ein. Man ist sofort seelisch und körperlich entspannt. Die Depression beim Burn Out lichtet sich schnell auf. Innerhalb eines Tages kann man drei wichtige Komponenten unter Kontrolle bringen. Der Patient entspannt sich, denkt wieder langsamer und klarer und kann so aus dem kreisenden Rad – wo man nicht mehr weiß wo hinten und vorne ist – ausbrechen“, sagt Blaas.

Viele Burn Out-Patienten leiden unter Schlafstörungen, können aber mit der richtigen Dosierung wieder gut schlafen und vor allem träumen, was den Heilungsprozess beschleunigt. Begleitend sollte der Patient eine Psychotherapie machen und sich Zeit nehmen zu relaxen. „Eine psychische Abhängigkeit von Cannabinoiden entsteht nur, wenn das Medikament hochdosiert lange eingenommen wird. Es gibt keine körperliche Abhängigkeit und beim Absetzen entstehen keine körperlichen Entzugserscheinungen“, sagt er. Ein Spray mit CBD wirkt gut als muskelrelaxierendes Mittel bei Patienten mit Multipler Sklerose. Ein Dreierpack des Sprays kostet 750 Euro. Es ist ein gutes Medikament, weil THC und CBD in gleicher Menge drin ist. Des weiteren können synthetische Cannabinoide auch bei der Nachbehandlungen von Schlaganfällen eingesetzt werden.

Theoretisch könnte jeder niedergelassene Arzt das Suchtmittelrezept ausstellen und bei einem Chefarzt einreichen. Befürwortet jener das Rezept, übernimmt in etwa 50 % der Fälle die Krankenkasse die Kosten von rund 600 Euro pro Monat. Pro Jahr werden in Österreich etwa 2 kg „Dronabinol“, zirka 800.000 Einzeldosen à 2,5 mg verbraucht.

Aber nur wenige Ärzte verschreiben „Dronabinol“ oder ähnliche Medikamente. „Sie tun es aus Angst, dass etwaige Drogensüchtige bei ihnen in den Wartezimmern sitzen würden oder sie einen schlechten Ruf bekämen“, sagt Blaas. Dabei hatten bis in die 1920er Jahre viele Pharma-Firmen Cannabis in ihrem Angebot. Die Wirkungen waren schon den Chinesen im Jahr 2737 vor Christus bekannt. Der chinesische Kaiser Shen Nung empfahl das Harz des Cannabis zur Behandlung von Frauenkrankheiten, Gicht, Malaria, etc.

Gesetze

Paragraph 6a/Suchtmittelgesetz:
„Der Anbau von Pflanzen der Gattung Cannabis zwecks Gewinnung von Suchtgift für die Herstellung von Arzneimitteln sowie damit verbundene wissenschaftliche Zwecke ist nur der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH oder einer zu diesem Zweck gegründeten Tochtergesellschaft (…) gestattet“.

4751 Jahre später, seit dem 1. Jänner 2014, können über 21-Jährige in Colorado (USA) legal Cannabis konsumieren. 20 US-Staaten erlauben den Konsum von Marihuana auf Rezept. Auch in den Niederlanden, Belgien, Kanada, Israel, Deutschland, Neuseeland, Italien, Spanien, Portugal, Tschechien und der Schweiz gibt es gesetzliche Grundlagen den Konsum generell zu gestatten oder in Einzelfällen den Bezug von Medizinalhanf zu erlauben.

Blass sagt, dass es falsch sei, Cannabis als böses Gift zu verteufeln. Cannabis sei kein todbringendes Gift. Seit Jahrtausenden wird es als Heilmittel eingesetzt und kann nicht einmal in höchsten Dosen einen Menschen umbringen. Auch widerspricht er der Feststellung, das Cannabis eine Einstiegs- sondern die Ausstiegsdroge sei. „Vielen Alkoholiker, die es mit keinem Medikament geschafft haben aufzuhören, konnte mit Cannabinoiden geholfen werden. Schwerabhängige von Opiaten schaffen es mit Cannobinoiden die Opiatdosis zu verringern und ein soziales Leben zu führen.

In Österreich ist jedoch der Erwerb, Besitz, Ein- und Ausfuhr von Cannabis illegal. Aus dem Drogenbericht 2013 geht hervor, dass rund 25 Prozent der Bevölkerung Erfahrungen mit Cannabis haben. Davon wurden 2011 laut Kriminalstatistik 17.836 Menschen wegen Cannabis-Verkaufs oder -Konsums angezeigt.

Dabei züchtet der Staat selbst über die AGES seit 2009 an einem geheimen Ort Cannabis zur Verarbeitung von Medikamenten in Deutschland. Durch eine Gesetzesänderung wurde das möglich. Eine Gesetzesänderung wünscht sich auch der Verein Cannabis als Medizin und sammelte über ein Jahr lang Unterschriften von Patienten und Interessierten, die der Meinung sind, dass Cannabis in natürlicher Form Patienten zugänglich gemacht werden soll. 2013 übermittelten sie die 5500 Unterschriften an alle Parlamentsparteien und erbaten sich Stellungnahmen bezüglich der Abgabe des natürlichen Medikaments „Flos-Cannabis“ (getrocknetes Cannabis Kraut) in Apotheken nach ärztlicher Verschreibung.

Politik

Factbox

dieZeitschrift möchte auf keinen Fall die Herstellung oder den Verkauf illegaler Drogen verherrlichen. Die Geschichte soll lediglich eine in Medien eher seltene Sichtweise darstellen.
Dronabinol und ähnliche Medikamente sind rezeptpflichtig und müssen vom Chefarzt genehmigt werden.
Genauere Informationen über gesundheitliche Risiken und gesetzliche Bestimmungen:
www.ris.bka.gv.at
www.hanfverband.at
www.cannabismedizin.at

„Alle Parteien außer der SPÖ haben geantwortet. Außer der ÖVP zeigten sich alle an dem Thema interessiert. Die FPÖ ist gegen eine Legalisierung weicher Drogen, könnte sich aber vorstellen innerparteilich in Kremien über Cannabis als Medizin zu diskutieren. Das Team Stronach zeigte sich gesprächsbereit. Die Grünen sind auf der Welle der Entkriminalisierung, sie sagen sie wollen etwas tun, machen aber defacto nichts“, sagt Blaas. Er glaubt, die Zeit ist noch nicht reif. Zu sehr würden sich die Parteien vor Prügel im Parlament und Stimmenverlusten bei Wahlen fürchten. Blaas meint, um Cannabis für medizinische Zwecke in Österreich zu legalisieren, bräuchte es Druck von oben, etwa von der EU oder der WHO, das natürliche Cannabinoide zum Einsatz kommen dürfen. Im März 2014 findet in Wien das Treffen des International Narcotic Control Board der WHO statt. Auf der Tagesordnung steht auch eine Diskussion über die die Risiken des Drogenkonsums, inklusive Cannabis.

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