Marliese Mendel
Thema

Von der Banalität des Geldmangels und paradiesischen Zuständen

Donnerstag, 20. Februar 2014
Der Historiker Anton Tantner und der Filmwissenschafter Christian Cargnelli kämpfen mit rund 2500 Kollegen seit 1996 für eine Verbesserung der finanziellen, infrastrukturellen und arbeitsrechtlichen Situation der Lektoren an der Uni Wien. Als Vorstandsmitglieder der „IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen“ sprachen sie mit dieZeitschrift über „paradiesische Zustände“ und prekäre Dienstverhältnisse.

Prekariat

Mehr als 66.000 Studenten werden von 423 Universitätsprofessoren und etwa 2000 Lektoren an der Uni Wien unterrichtet. Die große Zahl der Lektoren verdienen pro zweistündigem Lehrauftrag rund 400 Euro, also fünf Euro über der Geringfügigkeitsgrenze (395,31 Euro). Lohnerhöhungen oder besser bezahlte Fixanstellungen an der Uni sind nicht in Sicht.

Bei der Präsentation des Globalbudgets der Uni Wien (1,3 Milliarden Euro, ohne Drittmittelforschung) wurde angekündigt, dass es keine neue Professuren geben wird und nur freiwerdende ordentliche und außerordentliche Professuren nachbesetzt werden. Dabei nimmt die Zahl der Studierenden stetig zu. So greifen Universitäten schon seit Jahrzehnten auf externe Lektoren zurück. „In manchen Fächern wie Kultur- und Sozialanthropologie, Publizistik und Theaterwissenschaften gibt es nur wenige fix angestellte Lehrende und Assistenten.

„Diese Institute sind auf externe Lehrbeauftragte angewiesen“ sagt Anton Tantner „und solange die Unis ihre Personalpolitik nicht ändern, wird sich an der prekären Situation der externen Lehrenden nichts ändern.“ Schon seit 1996 macht die Interessensgemeinschaft LektorInnen und WissensarbeiterInnen auf ihre prekären Verhältnisse aufmerksam.

Gemeinsam mit Studierenden und fix angestellten wissenschaftlichen Mitarbeitern der Uni Wien protestierten sie erstmals 1996 gegen ein Sparpaket. Sie wollten die fast 30prozentige Reduzierung der Renummeration der Lektoren und andere Kürzungen nicht hinnehmen.

Damals tauchte auch der Begriff Prekariat erstmals auf. Dessen Auswirkung kennen der Filmwissenschafter und Lektor Christian Cargnelli und viele seiner Kollegen gut, „bei aufwändigen Lehrveranstaltungen kann es durchaus vorkommen, dass man als Lektor auf ein Gehalt von nur zwei Euro pro Arbeitsstunde kommt.“ Schätzungsweise können 90 Prozent der Lektoren nicht von ihrer Tätigkeit an der Uni leben. „Es geht sich mit Zusatzverdiensten gerade aus, keine Schulden zu machen“, sagt er.

Doppelte Freiheit

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Marliese Mendel

Bis 2009 das neue Universitätsgesetz in Kraft trat, war es den Lektoren möglich gewesen jahrzehntelang jedes Semester mit jeweils neuen Verträgen an der Uni zu unterrichten. Das änderte sich mit dem neuen Gesetz, denn nach dem Angestelltengesetz sind Kettenverträge verboten: Kein Lektor darf länger als sechs bzw. acht Jahre hintereinander beschäftigt werden. Danach muss er in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen werden. Diese Regelung hatte zur Folge, dass zwölf der 19 Lektoren am Institut für Afrikanistik um ihre Jobs zitterten. Am Institut für Politikwissenschaften waren rund 30 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter und am Institut für Biochemie der Universität Wien von 15 Forschungsgruppenleitern zehn betroffen.

„Inzwischen bietet die Uni Wien auch Beschäftigungen mit freien Dienstverträgen an, um Kettenverträge zu umgehen“, sagt Christian Cargnelli, „aber dann ist man nicht mehr bei der Uni Wien angestellt und kann nicht mehr vom Betriebsrat vertreten werden. So werden Menschen in rechtlich und sozial schlechte Position gedrängt: Es gibt keinen Urlaubsanspruch, keine Entgeltfortzahlung bei Krankheit, keinen Mindestlohntarif und man muss das Einkommen selbst versteuern. Die Unis ersparen sich viel Geld damit.“ Anton Tantner kennt auch die wenigen Vorteile der prekären Dienstverhältnisse: „Das Angenehme ist die geringe Verpflichtung gegenüber der Universität, kein lebenslängliches nine to five-Arbeitsverhältnis.“ Er nennt es: „Die doppelte Freiheit: eine Freiheit von Geld und Sicherheit, aber auch die Freiheit, selbstbestimmter mit der eigenen Zeit umzugehen.“

Prekäre Lage

Christian Cargnelli hat 18 Semester an der Uni als Lektor unterrichtet. Jedes Semester muss er für seine Lehrveranstaltung neu einreichen, hoffen, dass sie ins Vorlesungsverzeichnis aufgenommen wird und dann tatsächlich stattfindet. Denn kurz bis vor Semesterbeginn kann die Uni bereits zugesagte Veranstaltungen wieder absetzen. Das bedeutet für viele Lektoren, dass sie sich woanders selbst versichern oder sich beim Arbeitsamt anmelden müssen. Allerdings dürfen arbeitslos gemeldete Lektoren keinen „großen“ regulären Lehrauftrag beantragen, weil die Bezahlung fünf Euro über der Geringfügigkeitsgrenze liegt. So bleibt dem arbeitssuchenden Lektor nur die Möglichkeit, einen „kleinen“ Lehrauftrag zu übernehmen. Der wird mit 240 entlohnt.

Trotz der prekären Lage der Universitätslektoren ist es schwierig, eine gemeinsame politische Vertretung zu finden. Die Gruppe der externen Lehrenden ist sehr heterogen. Zwischen dem pensionierten Operndirektor mit guter Rente und dem Forscher mit einem Einkommen knapp über der Geringfügigkeitsgrenze liegen finanzielle und ideelle Welten. Die Mehrheit der externen Lehrenden kommen aus der Industrie, Verlagen, Wirtschaft und dem Staatsdienst. „Sie alle haben woanders einen Job. Aber eine qualifizierte Minderheit die Forschenden hat keine fixe Arbeitsstelle. Darum ist es schwierig alle Lektoren politisch als Gruppe zu vertreten“, sagt Christian Cargnelli.

Ein Denkansatz ist es, Lektoren für mehrere Lehrveranstaltungen zu verpflichten und adäquat zu entlohnen. Das ist ein doppelschneidiges Schwert. „Das hieße, dass andere Lektoren ihre Arbeit verlieren. Das heißt, unsere Aktivität bestünde darin, unsere Abschaffung herbeizuführen“, sagt Cargnelli.

Paradiesischer Zustand

Eine elementaren Forderungen der IG ist es, das Ideal der Wissenschaftswelt von Lehre und Forschung endlich ernst zu nehmen. „Das ist unter diesen ökonomischen Bedingungen unmöglich“, sagen die Lektoren, „und an der Uni Wien eine reine Fiktion. Ohne geförderten Forschungsauftrag fehlt den Wissenschaftern das Geld. Außer man ist Privatier.“

Dabei bereichern die Lektoren und ihre Forschungsergebnisse den Studienplan. Aus der im Jahr 2000 veröffentlichten Studie der IG geht hervor, dass fast 50 Prozent aller Lektoren ihre Kernforschungsthemen in den Unterricht einbringen. Auch Anton Tantner vermittelt seinen Studenten seine Forschungsergebnisse: Es gab „Suchmaschinen“ vor dem Internet. Vom Standpunkt der Wirtschaftstreibenden sind seine Ergebnisse durchaus interessant. Heute erregen Suchmaschinen Kritik und werfen Probleme wie Datenschutz auf. So ist es für Tantner naheliegend zu fragen, wie man in der Vergangenheit mit ähnlichen Schwierigkeiten umging. Seine Forschungsergebnisse liefern ein besseres Hintergrundwissen, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. „Das, was wir erforschen ist nicht gleich verwertbar und kann nicht direkt einem neo-liberalen Verwertungsprozess zugeführt werden. Die Geisteswissenschaft entwickelt keine Hochleistungsmotoren, sondern ermöglichen die Umsetzung von Kreiskys Aussage: Lernen Sie Geschichte!“ Es ist wichtig zu wissen „wie wir wurden was wir sind“. Populäre Geschichtssendungen wie Österreich I und II beruhen auf Jahrzehnte langer Forschung“, sagt Cargnelli.

Momentan unterrichtet Tantner an der Hochschule und forscht an seinem Thema. Zwei Jahre lang fördert der Jubliäumsfond der Österreichischen Nationalbank seine Forschungen. Er kann als Angestellter Archive und Bibliotheken nach den Urahnen von Google durchsuchen. „Das ist ein paradiesischer Zustand“, sagt er, „Ich bin für zwei Jahre angestellt, kann in meinem Forschungsbereich arbeiten und meine Ergebnisse publizieren.“ Gleichzeitig stellt er sich die Frage wie lang er das durchhalten könne, vor allem wenn er an die an die finanziellen Dürrephasen zurückdenkt, als er nur einen Lehrauftrag hatte. Zu diesen Zeiten war es unmöglich, für die Pension zu sparen.

„Es ist ganz banal“, sagt Christian Cargnelli „es fehlt am Geld“. Studierende werden in überfüllten Hörsälen von schlecht bezahlten Lektoren unterrichtet. Dass dies kein paradiesischer Zustand ist, zeigt sich auch am „Times Higher Education World University Ranking“: die Uni Wien liegt nur mehr auf dem 170. Platz.

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