Marliese Mendel
Stammtisch der Freien

Ist Google schuld?

Donnerstag, 15. Mai 2014
Statt über Preisdumping, prekäre Dienstverhältnisse, Krisen in den Medienhäusern und schwindende Aufträge zu jammern, suchen die Journalisten des „Stammtisch der Freien“ lieber nach Lösungen und sind dabei erfolgreich.

Die Zeit der dicken Journalistengehälter ist seit langem vorbei. Geschichten von Journalisten, die eigenen Sekretärinnen Artikel diktieren, sind schon ins Reich der Mythen eingegangen. Inzwischen schreiben Publizistikstudenten über ihre Angst, sich niemals von ihrem Beruf ernähren zu können. Der Guardian experimentiert mit einer Zeitung, die auf Algorithmen von Share-Verhalten auf Social-Media-Plattformen basiert und so Redaktionssitzungen unnötig machen könnte. Die Stuttgarter Agentur aexea hat eine Software entwickelt, die aus riesigen Datenmengen eigenständig Artikel in acht Sprachen verfassen kann. In sechs Monaten wollen sie mit einem eigenen Sportportal voller robotergenerierter Texte online gehen.

Gleichzeitig haben Medienhäuser in den letzten Jahren Journalisten in den frühen Ruhestand und mit Sozialplänen in Stiftungen und hohen Abfertigungen aus Redaktionen geschickt. Beim Arbeitsmarktservice sind momentan 529 Journalisten, Redakteure und Reporter arbeitslos gemeldet. Das sind um 58 mehr als im Vergleichszeitraum März 2013. Dem stehen 16 Stellenangebote gegenüber. Ganz neu ist die Situation freilich nicht.

„Als ich 1982 beschloss, Publizistik zu studieren und Journalistin zu werden, geisterte schon herum, dass man als Journalist keine Fixanstellung findet. Ich bin damit aufgewachsen, dass ich als freie Journalistin arbeiten muss“, sagt Sonja Bettel, „aber in den letzten Jahren ist es immer schlechter geworden. Die Medienhäuser haben Journalisten gekündigt. Die Budgets sinken. Medien werden eingestellt.“

Freien-Stammtisch

Freie Journalisten, Wien, Sonja Fercher, Sonja Bettel, Susanne Wolf
Elke Bitter
Susanne Wolf

Aber jammern hilft nichts. Deshalb haben die freien Journalistinnen Sonja Fercher, Susanne Wolf und Sonja Bettel im Juli 2013 den Stammtisch der freien Journalisten gegründet. „Ich habe immer wieder nach einer Form des Austausches gesucht, um über Arbeit und Ethik im Journalismus zu diskutieren“, sagt Bettel. Im letzten halben Jahr ist eine Art von monatliche Redaktionskonferenz entstanden, bei der sich Freie vernetzen, Erfahrungen austauschen und über das „Freiendasein“ sprechen. Es werden Kontakte und Expertisen geteilt, und der eine oder andere Auftrag unbürokratisch an Kollegen vermittelt. Und man spricht darüber, welche Medien gut und welche schlecht bezahlen.

Das Honorar für freie und fixe* freie Journalisten sollte sich aus Zeichensatz und Entschädigung für den Zeitaufwand zusammensetzten. Für ständige freie Mitarbeiter sollte es zusätzlich eine monatliche Infrastrukturpauschale von 192 Euro geben.
(*Fixe freie Journalisten arbeiten ausschließlich für ein Medium)

Irgendein anderer Trottel macht es schon

Freie Journalisten, Wien, Sonja Fercher
ÖGB-Verlag
Sonja Fercher

Die freie Journalistin Sonja Fercher hat unter Kollegen via Facebook eine Umfrage gestartet und nachgefragt, ob schon jemals jemand die Entschädigung für den Zeitaufwand und die Infrastrukturpauschale erhalten hat. Die Antworten zeigten, dass niemand je dafür bezahlt worden ist.

Sonja Bettel sieht sich als Unternehmerin: „Als Selbstständige muss ich meine Preise genau kalkulieren. Unter Einbeziehung aller Kosten, wie Buchhaltung, Computer, Aufnahmegerät; auch Büromiete, Fahrtkosten, Akquise, etc. muss ich mindestens 60 Euro pro Stunde Arbeitszeit verdienen.“ Meist liegt die Entlohnung weit darunter und Preisdumping scheint eine der Hauptsportarten der meisten Medienhäuser zu sein.

Die freie Journalistin Alexandra Rotter erzählt eine Geschichte, die beispielhaft ist für die Situation: Sie lehnte das Angebot eines Magazins ab, für 100 Euro eine A4-Seite zu schreiben. „Als ich von der Besprechung aufbrach, wollte der potentielle Auftraggeber wissen, wohin ich gehe.“ Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich zum Stammtisch, einer Gruppe von freien Journalisten, gehe, die sich gerade organisiert. ‚Ah, um uns das Leben schwer zu machen', sagte er und fügte hinzu: ‚Wenn Sie eh so vernetzt sind, vielleicht kann jemand anders die Geschichte machen.' Es war einfach nur lächerlich. Dieses Erlebnis zeigt, wie es abrennt, nach dem Motto: Wenn es einer nicht für das Geld macht, wird es wohl schon irgendein anderer Trottel machen.“

‚Google nimmt uns die Anzeigen weg'

„Wir haben keine Lobby, und so ist es leicht, Leute gegeneinander auszuspielen“, sagt Bettel. Dass soll sich durch den Stammtisch ändern, „wir treten gemeinsam nach außen hin auf und wollen in der Öffentlichkeit und in den Medien Bewusstsein für unsere Situation schaffen.“

Auch wenn die Stammtischmitglieder eigentlich ihre eigenen Mitbewerber sind, ist es ihnen wichtig, dass der Markt durch schlechte Angebote nicht kaputt gemacht wird. Das ist keine leichte Aufgabe. Immer mehr Medienhäuser sparen. „Sie jammern nur: ‚Google nimmt uns die Anzeigen weg' und haben keine neuen Ideen, wie sie Qualitätsjournalismus finanzieren könnten,“ sagt Bettel, „deshalb haben wir einen Copy Paste-Journalismus, dessen Hauptziel das Befüllen von Zeilen ist. Dabei ist Journalismus wichtig für die Gesellschaft und die Demokratie, und wenn uns das wichtig ist, dann muss uns auch das auch entsprechend viel Wert sein und darf nicht in der Selbstausbeutung der Freien enden.“ Susanne Wolf fügt hinzu: „Einige Medien wollen Qualität und besondere, gut geschriebene Geschichten und versuchen auch das nötige Geld aufzutreiben.“ Die erfahrene Journalistin hat sich auf die Suche nach diesen Medien gemacht und sie auch gefunden.

Namenszeile als Honorar

Freie Journalisten, Wien, Sonja Fercher, Sonja Bettel, Susanne Wolf
Claudia Espinoza Martinez
Andreas Müller

Schwieriger ist es für Nachwuchsjournalisten, sich am engen Markt zu etablieren. Sie schreiben oft für geringe oder keine Honorare und statt einer Entlohnung, hören sie, „dafür steht ihr Name in der Zeitung“. Davon kann aber niemand seine Miete bezahlen.

Auch der Video-Journalist Andreas Müller und die Journalistin Sonja Tautermann kennen die Situation. Sie können vom Journalistendasein allein nicht leben. Deshalb beschlossen sie, sich breiter aufzustellen: Er arbeitet nebenbei auch in der Forschung. Sonja Tautermann verdient zusätzlich als Texterin und Suchmaschinenoptimiererin dazu. Auch die beiden kommen zum Stammtisch, um sich zu vernetzen.

Genau wie Sabine Karrer, für sie ist es wichtig, gemeinsam etwas zu bewegen und so das eigene Selbstbewusstsein zu stärken. „Ich habe bemerkt, dass ich jetzt bei Auftragsverhandlungen nicht mehr herumdruckse“, sagt sie.

Das Fazit ist: Redaktionen wissen, dass Freie gute Geschichten liefern, aber wenn man sie nicht gut bezahlt, werden sie es eines Tages nicht mehr machen.

3 Shares